Struwwelpeter von heute – Eingreifen oder Laufenlassen?

Kind mit zerzausten, ungekämmten Haaren als Symbol für den Struwwelpeter von heute

Zappelphilipp, Hans Guck-in-die-Luft, Struwwelpeter, Suppenkaspar – ich kenne sie alle. Der Struwwelpeter von heute begegnet mir allerdings nicht mehr nur im Buch, sondern mitten im Familienalltag.

Auch wenn die Geschichten schon in meiner Kindheit nicht mehr ganz zeitgemäß waren, bin ich mit Sätzen groß geworden wie: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Oder: „Beim Essen bleibt man sitzen.“ So hörte sich der Struwwelpeter im Alltag an: klare Ansagen, wenig Diskussion.

Heute merke ich manchmal, wie mir genau solche Sätze wieder auf der Zunge liegen, wenn eines meiner Kinder nicht still sitzt, mir wieder mal nicht zuhört oder ständig am Daumen nuckelt.

Und dann denke ich: Ich könnte das genauso sagen, wie früher. Oder ich lasse es. Nicht, weil es mir egal ist. Sondern weil ich inzwischen glaube, dass ich nicht jedes Verhalten gleich korrigieren muss.

Zappelphilipp – Wenn Stillhalten keine Option ist

Unser Nesthäkchen war schon in meinem Bauch ein kleiner Zappelphilipp. Nicht etwa, weil sie viel gestrampelt hätte – aber sie schaffte es, sich kurz vor der Entbindung in der 37. Schwangerschaftswoche noch von der Schädellage in die Beckenendlage zu drehen. Am Ende kam sie als Sterngucker mit dem Gesicht nach vorne und per Saugglocke auf die Welt.

Bei der äußeren Wende meinten die Hebammen schon, ich solle mich auf ein willensstarkes Kind einstellen. Wie recht sie damit hatten, wusste ich damals allerdings noch nicht.

Denn so charmant und liebevoll unsere Jüngste auch ist – so schnell und ungestüm ist sie eben auch. Schon mit anderthalb, als sie gerade erst laufen konnte, stürzte unser Energiebündel so unglücklich, dass ihr Auge getaped werden musste. Und letztes Jahr fiel sie, kurz vor unserer Hochzeitsfeier, beim Herumalbern so blöd auf eine Tischkante, dass ihre Unterlippe genäht werden musste.

Hans Guck in die Luft – Ein Moment der Unachtsamkeit

Heute dann ein Crash mit der Hauswand in einem Moment der Unachtsamkeit. Da musste ich unwillkürlich an Hans Guck-in-die-Luft denken.

„Guck nach vorne“, hörte ich mich immer wieder sagen, als sie mit dem Roller vor mir herfuhr. Doch meine Tochter hatte für alles andere Augen als den Weg vor ihr. Dann entdeckte sie plötzlich eine Schulfreundin ihrer großen Schwester. Und: bäm. Statt nach vorne zu schauen, krachte sie gegen die Ecke einer Hauswand.

Der Helm schützte zum Glück ihren Kopf – ihre Nase allerdings nicht. Die schwoll sofort an, wurde rot, dann blau, dann lila und fing an zu bluten.

Struwwelpeter – Zwischen Bürste und Selbstbestimmung

Meine Älteste weigert sich seit Monaten vehement, die Haare zu kämmen – oder auch nur kämmen zu lassen. Inzwischen hängt ihr herausgewachsenes Pony konsequent über einer Gesichtshälfte. Und ihre kleine Schwester Alina läuft ebenfalls schreiend davon, sobald ich mit der Bürste in der Hand auftauche.

Kind mit zerzausten, ungekämmten Haaren als Symbol für den Struwwelpeter von heute
Vitaliy Mygovych auf Unsplash

Manchmal kann ich es mir trotzdem nicht verkneifen, meiner Großen auf dem Weg zur Schule noch hinterherzurufen: „Kämm dir doch mal die Haare.“ Ernst gemeint, aber mit einem Augenzwinkern.

Ob es mich stört? Ja. Total. Vor allem, weil ich mich so fühle, als würde ich mein Kind verwahrlosen lassen.

In meiner Kindheit hätte man wohlmöglich einfach durchgegriffen. Ich habe losgelassen und lasse sie so gehen –  zerzaust und eigensinnig wie sie eben ist.

Daumenlutscher – Selbstregulierung statt Kontrolle

„Große Kinder machen sowas nicht.“ Das hätte ich als Kind vermutlich zu hören bekommen, wenn ich mit drei Jahren noch am Daumen gelutscht hätte. Bei mir war diese Phase jedoch schnell wieder vorbei. Bei unserem Nesthäkchen nicht.

Seit sie Baby war, ist der Daumen ihr ständiger Begleiter – bei Hunger, beim Einschlafen, zum Herunterkommen oder Trösten. Und ja, natürlich habe ich mich gefragt: Muss ich ihr das abgewöhnen? Sollte ich eingreifen?

Ich habe mich dagegen entschieden. Für mich ist es kein Fehlverhalten, sondern ihre Art, sich selbst zu regulieren. Ein Weg, mit Müdigkeit, Hunger und anderen Reizen umzugehen.

Struwwelpeter von heute – Daumenlutschen als kindliche Selbstregulation
Foto von Alisa

Ich muss als Mutter nicht alles kontrollieren. Und manchmal ist Gelassenheit die bessere Antwort als jede Konsequenz. Irgendwann wird sie es sicher von selbst lassen.

Zwischen Suppenkasper und „Picky Eater“

Als ich neulich wieder eine angeknabberte Brezn aus meinem Rucksack fischte und in den Müll warf, musste ich unweigerlich an einen Satz aus meiner Kindheit denken: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Ein Satz, der keinen Spielraum für eigene Wünsche ließ.

Unsere Älteste isst seit einem Jahr vegetarisch, die Kleine ist eher von der Sorte „Picky Eater“. Und trotzdem würde mir nie in den Sinn kommen, ihnen zu sagen, dass sie aufessen müssen, wenn es ihnen nicht schmeckt.

Das war nicht immer so. Als Au Pair forderte ich meine Gasttochter einmal auf, das mitgebrachte Picknick aufzuessen. Sie wollte nicht. Am Ende erbrach sie alles – und ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Seitdem habe ich dazugelernt.

Trotzdem merke ich, wie schwer mir manches noch fällt. Vor allem dann, wenn ich schon wieder Essen wegwerfe, höre ich mich sagen: „Andere Kinder wären froh, wenn sie das hätten.“ Dann erzähle ich von meinen Reisen nach Indien und Kambodscha. Von Kindern, die sich um Bananen stritten wie meine um Gummibärchen.

Früher hätte man gesagt: „Der Teller wird leer gegessen.“ Heute frage ich mich: Müssen sie das wirklich? Oder dürfen sie lernen, auf ihren eigenen Hunger zu hören?Und ich darf lernen, es auszuhalten. Nur das Wegwerfen von Lebensmitteln fällt mir immer noch schwer.

Struwwelpeter von heute – Alltagstest

Und manchmal sind es genau diese Momente, in denen alles zusammenkommt. So wie heute Abend.

Kurz vor dem Zubettgehen. Eigentlich schon zu spät für Experimente – vor allem nach dem Abstecher in die Notaufnahme wegen ihres Sturzes. Ich war nur einen Moment nicht im Raum. Als ich zurückkam, hatte die kleine Patientin, angestachelt von der großen Schwester, schon den nächsten Streich ausgeheckt: Alina hatte sich ihr Töpfchen auf den Kopf gesetzt und bekam es nicht mehr ab.

Erst Stille. Dann Panik. Dann Tränen. Und ich? War kurz davor, gleich mit in Panik zu geraten.

Doch noch bevor ich eingreifen konnte, hatte Lara die Situation schon gelöst: Kopf befreit. Krise beendet.

Ich dachte mir: Vielleicht müssen sie nicht jede Lektion von mir lernen. Oft lernen sie ganz von allein – durch eigene Erfahrungen.

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