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Die kindliche Entwicklung hat ihr ganz eigenes Tempo. Das habe ich besonders in den letzten acht Jahren, seit ich Mama bin, gelernt. Während ich bei meiner Erstgeborenen noch gern in Ratgebern wie „Oje, ich wachse“ blätterte, lösten diese bei mir mit dem zweiten Kind vor allem eines aus: Stress.
Ich wollte mich nicht mehr danach richten, wann mein Kind was können müsse, wann Entwicklungsschübe stattfinden oder die ersten Zähne kommen. Meine Erfahrung – und die vieler Familien in meinem Umfeld – hat mir gezeigt: Es kommt, wenn es kommt. Und: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
Kindliche Entwicklung folgt ihrem eigenen Tempo
Mit dem Alter und durch mein zweites Kind bin ich gelassener und selbstsicherer – auch jetzt, wo unsere Jüngste in den Kindergarten geht und noch Windeln trägt. Sie war zwei Jahre alt, als sie das erste Mal aufs Töpfchen ging. Jetzt ist sie ein Jahr älter und trägt immer noch Windeln. Seit Kurzem meldet sie sich, wenn es drückt – aber eben nicht immer. Na und?

Als ehemaliges Au-pair in den USA habe ich zwei Familien mit Mädchen im Alter von knapp drei Jahren betreut. Die eine war innerhalb einer Woche komplett trocken. Die andere schaffte es nicht einmal aufs Töpfchen, obwohl die Eltern das Training unbedingt forcieren wollten. Sie war einfach noch nicht so weit.
Von Meilenstein zu Meilenstein: frühe Erwartungen an Babys
Der Erwartungsdruck rund um die kindliche Entwicklung beginnt oft schon kurz nach der Geburt. Beide meiner Kinder waren sehr langsame Trinker. Lange fragte ich mich: Was mache ich falsch beim Stillen? Heute weiß ich: Ich habe gar nichts falsch gemacht – sie hatten einfach ihr eigenes Tempo.
Das gilt für so vieles: das erste Köpfchenheben, Drehen, Sitzen oder Laufen. Ich habe andere Mamas erlebt, die diese Entwicklungsschritte aktiv gefördert haben. Unsere Jüngste hingegen hob ihr Köpfchen völlig unerwartet mit knapp drei Monaten – bei einem Familienfotoshooting. Ein Schnappschuss, der heute einen Ehrenplatz bei uns hat. Geübt hatten wir dafür nicht.
Frühförderung: Hilfe fürs Kind oder Vergleichsdruck?
Wer sein Kind aktiv fördern möchte, findet vor allem in Großstädten wie München ein riesiges Angebot: musikalische Früherziehung, Babyschwimmen, Spielgruppen – schon ab dem Babyalter.
Eine vermeintlich gute Absicht. Aber tun wir das wirklich für unser Kind – oder spielt vielleicht auch ein kleines Stück unseres eigenen Egos mit?
Ich gebe zu, auch ich ließ mich verleiten, unsere Tochter zu einem Fenkidskurs anzumelden – natürlich auf Spanisch, wegen der zusätzlichen Fremdsprachenkenntnisse. Und de facto waren alle deutschen Kurse für die nächsten Monate ohnehin schon voll. Doch ich hatte nicht den Eindruck, dass Alina großen Spaß daran hatte. Sie gehörte zu den Jüngsten und war von ihrer Entwicklung noch nicht so weit: Während die etwas Älteren schon die ersten Schritte zu den Spielgeräten wagten, robbte sie noch hinterher.
Kindliche Entwicklung fördern – aber richtig
Vielleicht reagiere ich heute so sensibel auf das Thema Förderung, weil mir selbst vieles verwehrt blieb oder schlicht nicht zu mir passte.
Mein großer Traum war es schon als Kind, Klavier zu spielen. Stattdessen musste ich Blockflöte lernen. Blasinstrumente konnte ich noch nie leiden. Das Ergebnis: Ich traf kaum einen Ton – und festigte damit nachhaltig den Eindruck, musikalisch völlig unbegabt zu sein.
Ähnlich war es mit Tennis. Ich hatte immer Angst vor Bällen, duckte mich reflexartig – und wurde trotzdem regelmäßig in den Unterricht geschickt. Damit lieferte ich über Jahre hinweg den vermeintlichen Beweis, dass sportliche Begabung nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört.
Ich malte, bastelte und fotografierte viel lieber. Heute frage ich mich manchmal, was alles möglich gewesen wäre, hätte man mich mehr nach meinen Interessen und in meinen Stärken begleitet.
Müssen Kinder alles können – und zwar möglichst früh?
Es gibt natürlich auch Fähigkeiten, die Kinder irgendwann lernen sollten, weil sie ihnen später das Leben erleichtern – etwa Schwimmen oder Fahrradfahren. Aber muss ein Kind mit drei wirklich schon Fahrradfahren können? Oder reicht es, zunächst, wenn es sich mit Laufrad oder Dreirad fortbewegt?

Jetzt im Winter frage ich mich: Sollte ein Kind, das in der Nähe der Berge aufwächst, Skifahren können? Oder ist das eher ein „nice to have“ – etwas, das vor allem durch das Interesse der Eltern geprägt ist?
Autonomie als Motor für echte Motivation
Kürzlich bin ich in einem Podcast über die sogenannte Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory von Richard M. Ryan und Edward L. Deci) gestolpert. Klingt erst mal kompliziert, lässt sich im Alltag aber erstaunlich gut nachvollziehen. Kinder sind dann besonders motiviert, wenn drei Dinge erfüllt sind:
- Autonomie: Ich darf mitbestimmen.
- Kompetenz: Ich erlebe, dass ich etwas kann.
- Verbundenheit: Ich fühle mich angenommen, so wie ich bin.
Genau diese drei Punkte gehen oft verloren, wenn wir Kinder zu etwas drängen oder zu viel erwarten. Kinder entwickeln sich am besten, wenn sie selbst Interesse haben, sich bereit und sicher fühlen. Fachleute nennen das „intrinsische Motivation“ – also Motivation, die von innen kommt und nicht von außen aufgezwungen wird.
Loslassen und Vertrauen – Kinder im eigenen Tempo begleiten
Aus meiner Erfahrung entdecken Kinder oft von selbst, was sie interessiert – wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Unser Schulkind zeigte lange kein Interesse an einem bestimmten Hobby. Erst jetzt äußerte sie den Wunsch, Karate zu lernen. Ein Hobby, mit dem ich nicht gerechnet hätte, das ich aber gerne unterstütze.
Beim Schwimmen war mein eigener Anspruch lange höher: Ich meldete sie bereits mit drei Jahren zu ihrem ersten Kurs an. Sie war eine der Jüngsten, hatte große Angst und wenig Freude oder Erfolgserlebnisse. Es folgten weitere Kurse, das Seepferdchen-Abzeichen blieb trotzdem unerreichbar. Bis zu dem Tag, an dem sie einmal mit ihrem Papa schwimmen ging. Ich erwähnte beiläufig, dass man die Schwimmprüfung dort auch ohne Kurs machen könne. Was ich nicht erwartet hatte: Unsere mittlerweile achtjährige Tochter kam stolz mit der Urkunde zurück: Seepferdchen bestanden.
Manchmal passiert kindliche Entwicklung eben genau dann, wenn wir loslassen.




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