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ADHS ist mittlerweile in aller Munde. In meiner Kindheit waren es einfach die schlimmen Jungs oder die Klassenclowns. Die, die nicht stillsitzen konnten. Die, die öfter von der Lehrerin vor die Tür geschickt wurden. Die, die statt zu basteln die Knete lieber in den Mund nahmen.
Damals galten sie einfach als „schwierig“. Heute sprechen wir von Neurodivergenz. Von ADHS. Von Autismus. Von anderen Arten zu denken und wahrzunehmen.
Gehört habe ich davon allerdings erst viel später. Und manchmal frage ich mich: Ticken wir nicht alle ein bisschen anders?
ADHS-Diagnose als Mama – Gewissheit und neue Fragen
Bis vor einigen Jahren konnte ich mit dem Begriff ADHS (genauer: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) noch wenig anfangen. Doch als ich mich zum ersten Mal intensiver damit beschäftigte, wurde ich hellhörig. Vieles kam mir plötzlich sehr bekannt vor. Seit Kurzem die Gewissheit: Ich habe tatsächlich ADHS.
Früher wäre das wohl niemandem in den Sinn gekommen. Ich konnte mich im Unterricht zwar schlecht konzentrieren und ließ mich leicht ablenken – aber meine Noten waren gut. Aufgaben erledigte ich gewissenhaft. Meine Eltern wunderten sich höchstens, dass ich immer erst kurz vor Prüfungen anfing zu lernen – und das Ergebnis trotzdem stimmte.
Heute weiß ich: Funktionieren heißt nicht automatisch, dass alles leicht ist. Denn leicht war es für mich nicht.
Als Mutter kommen mit der eigenen Diagnose neue Fragen. Habe ich diese Art zu denken weitergegeben? Und wenn ja – was würde das für meine Töchter bedeuten?
ADHS – Trend-Diagnose oder unterschätzte Realität?
Seit ich selbst die Diagnose habe, scheint gefühlt jeder Dritte von ADHS betroffen zu sein. In Podcasts. Auf Social Media. Sogar in meinem Umfeld. Viele sprechen heute offen darüber – und diese neue Sichtbarkeit lässt es fast wie einen Trend wirken.
Eltern betroffener Kinder vermitteln mir jedoch ein anderes Bild: Überforderung. Erschöpfung. Sorge. Nichts, was man sich leichtfertig für das eigene Kind wünschen würde. Schon gar nicht in einer westlichen Gesellschaft, in der Funktionieren nach Maß oft als Ideal gilt.
Selbst wenn ADHS durchaus Vorteile mit sich bringt – Kreativität, Liebe zum Detail, Andersdenken –, entfalten sich diese Stärken nicht automatisch in einem System, das vor allem Anpassung belohnt.
Trotzdem entsteht manchmal der Eindruck, ADHS sei fast zu einem Persönlichkeitsmerkmal geworden. Etwas, das in Podcasts, auf Social Media oder in den Medien gern thematisiert wird. Ich frage mich jedoch, ob es bei dieser neuen Offenheit tatsächlich nur um Aufklärung geht – oder manchmal auch darum, sich selbst darzustellen.
Vielleicht ist genau diese Ambivalenz der Grund, warum ich mich trotz Diagnose immer wieder frage: Habe ich es wirklich?
Vielleicht ist ADHS heute nicht häufiger. Vielleicht schauen wir nur genauer hin. Vielleicht diagnostizieren wir präziser – und verstehen Neurodiversität endlich besser. Das zumindest würde ich mir wünschen.

Perspektivwechsel auf dem Spielplatz
Eher zufällig bin ich durch einen Podcast auf das Thema Neurodivergenz bei Kindern gestoßen. Er hat meinen Blick verändert. Sensibilisiert. Mich daran erinnert, dass hinter vermeintlich „auffälligem“ Verhalten oft mehr steckt als bloße Ungezogenheit.
Vergangenen Sommer war ich mit unserer Jüngsten am Spielplatz. Sie lief barfuß durch den Sand, ihre quietschorangenen Sandalen mit Eiscreme-Motiv standen daneben. Plötzlich preschte ein Junge heran. Schnell und unberechenbar. Er schnappte sich die Schuhe und rannte davon.
Ich wusste erst nicht, wie ich reagieren sollte. Als er die Sandalen irgendwo fallen ließ, holte ich sie und zog sie meiner Tochter kurzerhand wieder an.
Doch das hielt ihn nicht auf. Erneut fokussierte er die Schuhe, rannte nun meiner Zweijährigen in schnellem Tempo hinterher.
Ich war etwas in Sorge. Er war etwa doppelt so groß wie meine Zweijährige und aus dem Sand ragten grobe Steine. Was, wenn er sie im Eifer des Moments umrennt?
Doch seine Betreuerin – vermutlich eine Nanny – kam mir zuvor. Sie sprach bestimmt, hielt ihn kurz fest und entschuldigte sich etwas verlegen auf Englisch. Er sei Autist.
„Ja, das dachte ich mir schon“, sagte ich. Nicht wertend – ich hatte es ja bereits vermutet.
Was ist eigentlich „normal“ – und wer entscheidet das?
Mit der eigenen Diagnose kommt automatisch ein neuer Blick auf die eigenen Kinder. Ich weiß, dass ADHS vererbbar sein kann. Und natürlich fragt man sich dann, ob man bestimmte Züge wiedererkennt.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass eine von ihnen ein bisschen aus der Reihe tanzt Und manchmal denke ich: Sie ist einfach sie. Ein ganz „normales“ Kind. Aber was ist schon die Norm?
Das Wichtigste ist: Beide kommen gut in ihrem Umfeld – Schule und Kindergarten – zurecht. Solange ich nicht sehe, dass eine von ihnen leidet oder sozial völlig aus dem Rahmen fällt, verspüre ich keinen Drang nach einer Diagnose.
Doch eine Begegnung mit einer – zugegebenermaßen übergriffigen – Eisverkäuferin hatte mich nachdenklich gestimmt. „Nicht bös gemeint, aber wie halten sie das aus?“ Die Dame hatte selbst einen Enkel, der offenbar das Gegenteil von meinen Mädels zu sein schien, die am Ende aus unterschiedlichen Gründen mit ihrem Eis in der Hand lautstark brüllten.
Auch wenn ich, besonders bei einem Kind, schon einige leichte Anzeichen bemerke: Sie war schon als Baby sehr reizempfindlich. Weinte viel. Ließ sich kaum ablegen. Bis heute findet sie schwer in den Schlaf. Sie knabbert gern an ihren Pullovern, ist schnell überfordert, macht einen hochsensiblen Eindruck. Eine kleine Träumerin. Ein bisschen tollpatschig – vielleicht, weil ihr Kopf gerade woanders ist.
Ist es emotionale Überforderung? Ihr Temperament? Neurodiversität? Oder ist sie einfach so?
Bei lauten Veranstaltungen hält sie sich die Ohren zu und möchte gehen. Der Familienalltag ist nicht immer ganz leicht mit ihr. Aber neurodivers oder nicht – sie tickt nun einmal so.
Soll ich ihr deshalb einen Stempel aufdrücken? Vielleicht darf sie einfach sein, wie sie ist.
Vielleicht geht es weniger um eine Diagnose – sondern mehr darum, Verständnis auszubringen, bevor wir sie in gesellschaftliche Normen zwängen.
Neurodivers, neurotypisch – oder einfach Kinder
Wie schnell wir Verhalten bewerten, merke ich immer wieder – auch bei mir selbst.
Die Tochter einer guten Freundin hörte noch nie besonders gut auf das, was ihre Mutter sagte. Auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ, dachte ich insgeheim: Vielleicht ist sie einfach nicht konsequent genug. Vielleicht formuliert sie zu vorsichtig. Vielleicht würde ich das anders lösen.
Heute weiß ich es besser. Ihre Tochter ist nicht nur hochbegabt, sondern hat auch ADHS. Und was ich früher als „nicht hören wollen“ eingeordnet habe, war wohl eher ein Nicht-Können. Überforderung. Reizüberflutung. Zu viel auf einmal.
Dabei ist sie so viel mehr als ihre Diagnose. Sie hat unsere Jüngste ganz selbstverständlich auf die Toilette begleitet und ihren Kakao mit ihr geteilt.
Ob neurodivers oder neurotypisch – am Ende sind es einfach Kinder. Mit Eigenheiten. Mit Stärken. Mit Herausforderungen.
Vielleicht geht es weniger darum, wer in welche Kategorie fällt – sondern darum, wie viel Verständnis wir füreinander aufbringen. Denn: Ticken wir nicht alle ein bisschen anders?



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