Transgenerationale Traumata – woher kommt es in meiner Familie? In meiner Familie wurde nie über das gesprochen, was passiert ist. Und doch haben sich Verhaltensweisen, Ängste und der Umgang miteinander über Generationen hinweg wiederholt. Erst in meiner Schwangerschaft begann ich zu verstehen, warum das so ist.
Unsere Familiengeschichte
In meiner Familie wurde nie wirklich miteinander gesprochen. Ich weiß nur, dass meine Großeltern aus Schlesien stammen und nach Nordrhein-Westfalen geflüchtet sind. Dort sind sie bis zu ihrem Tod zu einem regelmäßigen „Schlesien-Stammtisch“ unter Kriegsflüchtlingen gegangen. Vielleicht zu ihrer Verarbeitung. Ich erinnere mich, dass wir immer aufessen mussten und auch Geld immer beisammen gehalten werden sollte. Es grenzte schon an Geiz.
Ich weiß, dass meine Mutter über 30 Jahre bei meinen Großeltern gelebt hat und sie mich in dieser Zeit geboren hat. Meine Oma hat uns mit Kälte, Strenge, Gewalt und enormem psychischem Druck erzogen. Meine Mutter war sehr unsicher und hat sich nie getraut, das Zuhause zu verlassen. Erst als sie einen Mann kennenlernte und dieser half beim Ablösen, hat sie sich getraut.
Verhalten wiederholte sich in der nächsten Generation
Als wir gemeinsam in eine eigene Wohnung im Dorf gezogen sind, war das erste Jahr schön. Wir haben uns viel gegönnt und vieles nachgeholt, was bei meinen Großeltern nicht möglich war. Meine Mutter hat dann auch Psychotherapien begonnen und hat immer wieder abgebrochen.
Als ich dann etwa 10 Jahre alt war, begann der Terror für mich erneut. Meine Mutter fügte mir all das zu, was ihr auch zugefügt wurde. Sie schlug mich nahezu täglich, sie sperrte mich ein, sie stellte mich in Kleidung unter die kalte Dusche. Sie schnitt mir einfach die Haare ab. Die emotionale und körperliche Gewalt war sehr schlimm für mich.
Ich glaube, sie konnte nicht durchbrechen, was ihr selbst widerfahren war. Sie war dem sehr lange ausgesetzt. In unserer Familie geht es um deutlich mehr als um relativ klassische Konflikte in Familien. Meiner Mutter und auch meiner Großmutter war wohl nicht bewusst, was Sie mit ihrem Verhalten für tiefe Wunden schlagen. In meinen Augen waren sie Gefangene ihrer selbst. Mit 14 Jahren flüchtete ich zu meinem Onkel und kurze Zeit später in die Inobhutnahme der Jugendhilfe. Ich kehrte nie in mein Dorf oder zu meiner Familie zurück. Es brauchte die Grenze, damit ich überlebe und heilen darf.
Meine Heilungsreise dauert seit über 25 Jahren an
Schon in meiner Jugend begann ich eine Gesprächstherapie. Mit kleinen Unterbrechungen und wechselnden Therapeuten bin ich bis heute in Behandlung. Bis heute fühle ich mich verloren, ungeliebt, allein und schutzlos. Beim Schreiben dieser Worte kullern mir die Tränen. Mir fehlt absolut der sichere Hafen. Mein Nervensystem ist entweder im Kampf & Fluchtmodus oder in der Erstarrung. Das ist sehr anstrengend.
In der Schwangerschaft erfuhr ich eine Retraumatisierung und begann deshalb mithilfe von „Somatic Experience“, körperorientierte Therapie zu praktizieren. Nach einer dieser Sessions hatte ich so ein reguliertes Nervensystem, wie noch nie zuvor. Ich begann, eine Ahnung davon zu bekommen, wie gut und entspannt man sich fühlen kann. Das war für mich völlig neu.
Aktuell befinde ich mich in einer körperorientierten Trauma Therapie auf Basis verschiedenster Methoden, die ineinander greifen. Ich hoffe sehr, dass ich dort noch mehr Heilung erfahren darf. Mein Sohn bringt mich in jedem Fall an tief sitzende Themen und Ängste, die ich zuvor nicht in dieser Tiefe bearbeiten konnte.
Der Krieg und die Nachkriegsgeneration
In meiner Schwangerschaft schenkte mir eine Bekannte eine Ahnenheilung mit einer selbst ernannten Heilerin. Sie begab sich im Gespräch mit mir in Trance.
Sie beschrieb Bilder aus der Kriegszeit und sprach davon, dass meine Großmutter als Kind miterlebt haben könnte, wie ihr Bruder erschossen wurde.
Das brachte wohl diese Erstarrung und Kälte mit sich. Erzählt hat mir das nie jemand und da sie nicht mehr lebt, kann ich sie auch nicht fragen. Mir hat das trotzdem ein wenig geholfen, mehr Frieden mit unserer Familie und dem einhergehenden Trauma zu finden.
Wir als Nachkriegsgenerationen tragen diesen Schock in uns.
Was ich für mein Kind anders machen möchte
Ich hatte gedacht, dass ich es schaffe, mein Kind komplett ohne Traumata zu begleiten. In meiner Version ist er ein freier, fröhlicher, selbstsicherer kleiner Junge. Er soll sich geliebt und sicher gebunden fühlen.

Mittlerweile, nach fast 4 Jahren Mutterschaft merke ich, dass das eine Illusion war bzw. ist. Zum Einen habe ich immer noch Verhaltensweisen, die ich aus meiner Familie übernommen habe. Zum Anderen steht die Diagnose neurodivergent im Raum und ich habe das Gefühl, dass unsere Familiengeschichte dabei eine Rolle spielt.
Das mache ich besser als die vorherigen Generationen
Im Grunde möchte ich nicht werten, dass ein Verhalten „besser“ oder „schlechter“ ist. Ich denke, jede*r begleitet sein Kind so gut, wie er oder sie kann.
Dennoch kann ich sagen, dass ich stolz bin, meinen Sohn anders zu begleiten, als es mir vergönnt war.
Ich sage ihm, dass ich ihn liebe. Er ist der erste Mensch, dem ich diesen Satz sagen kann. Ich selbst habe ihn nie gehört von einem Familienmitglied.

„Ich liebe dich“ – Keinem Partner bisher konnte ich das sagen. Ich liebe ihn bedingungslos. Und auch ich werde zum ersten Mal in meinem Leben bedingungslos geliebt.
Ich umarme meinen Sohn. Ich selbst habe wenig bis gar keine positive körperliche Nähe erfahren.
Ich lasse mich beraten und reflektiere unser Verhältnis und sein Verhalten mit Therapeuten. Ich schaue hin und nicht weg, wie es meine komplette Familie handhabte.
Ich sage meinem Sohn wer sein Vater ist und beantworte ihm seine Fragen dazu. Der Vater ist abwesend und die Geschichte wiederholt sich in gewisser Weise. Wie auch mein Vater möchte sein Vater nicht am Leben des Kindes teilhaben.
Ich selbst durfte erst sehr spät erfahren, wer mein Vater ist. Meine Mutter hatte das Thema komplett verdrängt. Ich stelle mich dem Thema.
Ich gebe meinem Sohn Sicherheit und Selbstwert. Er darf sich ausprobieren und Entscheidungen für sich treffen, wann immer ich es emotional begleiten kann.

Schuhe aus im Winter und rein in den Erdhügel. Ich gehe die Entscheidung mit und lasse ihn Selbstwirksamkeit erfahren.
Ich bin in der Lage, mich bei ihm zu entschuldigen, wenn ich das Bedürfnis habe. Meine „vererbten“ narzistischen Züge konnte ich mittlerweile zum Glück ablegen.
Transgenerationale Traumata brauchen Zeit und Raum
Ich merke, dass sich transgenerationale Traumata nicht innerhalb einer Generation heilen lassen. Das verursacht Schmerz in mir, denn ich bin mittlerweile so reflektiert, dass ich alles wahrnehme, was nicht optimal läuft. Ich habe einen großen Anspruch an mich selbst und wahrscheinlich ist es wirklich gar nicht zu schaffen, dass ich meinen Sohn nicht auch „negativ“ präge.
Ich wünsche mir so sehr, dass mein Sohn es leichter haben wird als ich in seinem Leben. Ich wünsche mir, dass er nur minimalste Züge der transgenerationalen Traumata übernimmt.
Ich wünsche mir, dass ich noch mehr heilen darf und mich einiges Tages frei, leicht und lebendig fühle. Ich glaube fest, dass es für die Behandlung transgenerationaler Traumata für jeden Möglichkeiten und Wege gibt.
Mit meiner Familie habe ich seit meinem 18. Geburtstag keinen Kontakt mehr. Eigentlich leben auch nur noch meine Mutter und ihre beiden Brüder. Ich glaube nicht, dass da noch eine Änderung in unserem Verhältnis stattfinden kann.
Alles, was ich tun kann, ist, die Familiengeschichte mit meinem Sohn heilsamer fortzuführen und wieder mehr Licht in unsere Geschichte zu bringen. Emotionale Freiheit und Heilung geschehen lassen.
Vielleicht erkennt sich hier jemand wieder und merkt: Wir alle tragen unsere Themen – und wir sind nicht allein damit.



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