Alleinerziehend – zwischen Vorurteilen und Wirklichkeit ist für mich ein Thema, das mich immer wieder im Alltag begleitet. Ich habe kein Problem damit, alleinerziehend zu sein, und ich schäme mich auch nicht dafür. Mein Sohn und ich sind eng verbunden. Was mich zunehmend beschäftigt, ist etwas anderes: was andere Menschen mit dem Wort „alleinerziehend“ verbinden und welche Erwartungen, Vorurteile und Bewertungen damit einhergehen.
Alleinerziehend – und trotzdem nie gut genug?
Alleinerziehend = setzt keine Grenzen und ist überfordert – ist einer dieser Stempel. Mein 4-jähriger Sohn testet gerne Grenzen und ist sehr lebhaft. Da liegt diese Vermutung vielleicht nahe. Dennoch wünsche ich mir gezielte Fragen und ein Gespräch, anstatt ungeprüft diesen Stempel zu bekommen.
Das Gleiche begegnete mir sowohl in der Kita als auch aktuell im Kindergarten. Vielleicht gibt es das Bild der überforderten alleinerziehenden Mutter, die aus schlechtem Gewissen alles erlaubt. Vielleicht wird auch davon ausgegangen, dass es einen Vater braucht, der für Grenzen und Regeln zuständig ist.
Mich ärgert das. Ich wünsche mir, dass mein Umgang mit meinem Sohn danach beurteilt wird, was tatsächlich zwischen uns passiert. Und nicht danach, dass in unserem Haushalt kein Partner oder keine Partnerin lebt.
Besonders wütend hat mich eine Situation im Kindergarten gemacht. Ich wollte mich für einen Vorstandsposten engagieren und bekam ihn nicht. Unter anderem mit der Begründung, dass ich das als Alleinerziehende vermutlich nicht schaffen würde.
Die Menschen kannten mich kaum und entschieden trotzdem für mich, was ich leisten kann und was nicht. Ohne mich näher kennenzulernen oder mir genauere Einblicke in den Posten zu geben, damit ich selbst beurteilen kann, ob ich den Workload bewältigen kann.
Vielleicht war es sogar gut gemeint. Bei mir kam aber vor allem an: Wir trauen dir das nicht zu. Dabei möchte ich selbst entscheiden, was ich mir zutraue. Ich habe der betreffenden Person dazu Feedback gegeben. Sie hat sich anschließend entschuldigt und wohl selbst erkannt, dass hier ein Vorurteil eine Rolle gespielt hatte.
Zwischen Stärke und Erschöpfung
Ich möchte das Alleinerziehend-Sein nicht romantisieren.
Ich glaube mittlerweile, dass eine Person nicht dauerhaft die komplette Last einer Familie tragen kann, ohne immer erschöpfter zu werden. Zumindest geht es mir so. Wir haben keine Familienangehörigen um uns herum bzw. keinen Kontakt zu ihnen. Das oft zitierte Dorf um uns herum gibt es nicht.
Ich trage den Mental Load unseres Alltags, verdiene unser Geld, kümmere mich um Haushalt, Kindergarten, Termine und Versicherungen. Ich begleite meinen Sohn emotional und treffe alle Entscheidungen alleine. Die wichtigen sowieso. Aber auch die hundert kleinen Entscheidungen jeden einzelnen Tag.
Und wenn ich selbst nicht mehr kann, bin trotzdem ich zuständig. Es kommt abends niemand nach Hause, der übernimmt. Niemand sagt: „Ich bringe ihn heute ins Bett, geh du gerne in eine Bar.“ Oder: „Leg dich hin, ich kümmere mich.“
Es gibt keine Pause. Keine wirkliche Erholung.
Ich muss weiter funktionieren. Auch wenn ich krank bin. Ich erinnere mich an Zeiten mit Lungenentzündung und Pfeifferschem Drüsenfieber. Ich habe mich durch die Tage regelrecht geschleppt und war froh, wenn es Abend war. Eine Pause war nicht möglich.
Dazu kommen immer wieder Existenzängste. Was passiert, wenn das Geld nicht reicht? Was mache ich, wenn plötzlich hohe Kosten beim Auto entstehen? Es gibt kein zweites Einkommen, kein Erbe und keine zweite Person, die grundsätzlich Verantwortung für unser gemeinsames Leben trägt.
Was ist, wenn ich länger krank werde? Wenn ich sterbe, ist mein Sohn alleine auf der Welt. Dieser Gedanke bricht mir das Herz. Und ich habe gerade keine Lösung dafür.

All das erschöpft mich zunehmend über die Jahre.
Immer wieder höre ich aus meinem Umfeld, ich solle eine Mutter-Kind-Kur machen. Aber ist das die Lösung? Ich brauche doch hier in meinem Alltag Unterstützung und nicht einmalig eine kurzfristige Entlastung und danach die Rückkehr in die Überforderung.
„Ich bin eigentlich auch alleinerziehend“
Einen Satz kann ich mittlerweile wirklich nicht mehr hören: „Ich bin ja eigentlich auch alleinerziehend. Mein Mann ist nie da.“
Nein, du bist nicht alleinerziehend. Mittlerweile sage ich den Satz, nachdem ich anfangs noch mitfühlend genickt habe.
Natürlich kann es unglaublich anstrengend sein, wenn ein Partner beruflich viel unterwegs ist oder sich wenig in die Familie einbringt. Man kann sich auch innerhalb einer Beziehung sehr allein fühlen. Das möchte ich überhaupt nicht klein reden.
Aber es ist nicht das Gleiche.
Da ist ein zweiter Elternteil. Da ist zumindest grundsätzlich ein Mensch, den man in die Verantwortung nehmen kann. Meist gibt es ein zweites Einkommen und die Rechnungen werden geteilt. Da ist ein Mensch, der Entscheidungen mittragen kann und mit dem man sie diskutieren kann. Und wenn etwas passiert, gibt es im besten Fall jemanden, den man anrufen kann und der zuständig ist.
Was Menschen über Alleinerziehende nicht sehen
Was mir beim Alleinerziehend-Sein fehlt, ist nicht nur Unterstützung, wenn es schwierig wird.
Mir fehlt auch jemand, mit dem ich die schönen Dinge teilen kann.
Wenn mein Sohn etwas Neues lernt, einen lustigen Satz sagt oder wir einen wunderschönen Tag miteinander hatten, gibt es niemanden, dem ich abends davon erzählen kann und der sich genauso darüber freut.

Niemanden, der mein Kind so erlebt wie ich. Unsere Wochenenden verbringen wir meistens alleine. An manchen Tagen spreche ich mit keinem einzigen Erwachsenen.
Natürlich treffen wir manchmal Menschen und unternehmen Dinge. Aber am Ende des Tages sind wir wieder zu zweit. Wir essen selten mit anderen am Tisch. Mein Sohn kennt das kaum und ich würde ihm das gerne mehr bieten.
Da ist noch etwas, das mir besonders im Rahmen der Diagnose neurodivergent und der aktuellen Ergotherapie bewusst geworden ist: Ich soll mein Kind Co-regulieren und werde selbst nicht Co-reguliert.
Wenn mein Sohn wütend ist, traurig, überfordert oder völlig außer sich, bin ich da. Ich versuche, ruhig zu bleiben, seine Emotionen auszuhalten und ihm Sicherheit zu geben. Und ehrlich gesagt gelingt mir das Ruhigbleiben oft kaum. Ich habe das Gefühl, dass auch ich regulierter wäre, wenn Menschen um mich herum wären, die mich halten und mittragen.
Aktuell sehe ich als einzige Lösung, tatsächlich die anstehenden Ferien dafür zu nutzen, Alternative Wohnprojekte zu besichtigen und die Wohnsituation zu ändern.
Auch unter Familien fühle ich mich manchmal außen vor
Ich hatte gedacht, dass mit unserem Start im Naturkindergarten ein Gemeinschaftsgefühl unter den Familien entsteht. Im letzten Jahr hat sich der Wunsch nicht erfüllt.
Ich erlebe, dass Paarfamilien gerne etwas mit anderen Paarfamilien machen. Das kann ich sogar verstehen. Zwei Erwachsene, ein bis zwei Kinder, gemeinsame Abendessen, Ausflüge oder Urlaube. Es passt wahrscheinlich einfach in das gewohnte Bild.
Trotzdem stehe ich dadurch manchmal ein Stück weit außerhalb.
Auch Familienfeiern gibt es bei uns nicht. Keine Großfamilie, die regelmäßig zusammenkommt, keine selbstverständlichen Sonntage mit mehreren Generationen. Auch das ist etwas, das mich schmerzt. Feiertage verbringen wir meist zu zweit. Oft gehen wir dann in die Natur.

Mein Sohn kennt es nicht anders und wir machen es uns so schön, wie es geht. Dennoch schwingt bei mir immer wieder Einsamkeit mit. Mir fehlt dieses Gefühl von Gemeinschaft und einem größeren familiären Netz.
Und wo sind eigentlich die Männer?
Auch als Frau merke ich, dass sich etwas verändert hat. Vor meinem Sohn habe ich regelmäßig Männer kennengelernt. Es ergaben sich Flirts, Dates oder Affären.
Heute werde ich deutlich weniger wahrgenommen, und Dating als Mama findet seit 4 Jahren nicht statt.
Natürlich liegt das auch an meinem Leben. Früher habe ich in Bars gearbeitet. Jetzt gehe ich abends nicht aus. Wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin, liegt mein Fokus bei ihm. Gleichzeitig frage ich mich schon, ob eine Frau mit Kind für Männer automatisch weniger interessant oder schlicht nicht verfügbar wirkt.
Vielleicht gehen sie davon aus, dass zu dem Kind auch ein Mann gehört. Sicherlich strahle ich heute auch etwas völlig anderes aus als früher. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem. Ich bin gespannt, ob und wann unser Herzensmensch in unser Leben kommt.
Alleinerziehend – zwischen Vorurteilen und Wirklichkeit
Wenn mich jemand fragt, ob ich alleinerziehend bin, habe ich kein Problem damit, Ja zu sagen. Und trotzdem merke ich immer stärker, dass eine Person nicht dafür gemacht ist, dauerhaft alles alleine zu tragen.
Vielleicht fehlt mir weniger ein klassisches Familienmodell als ein Netz. Menschen, die mittragen und mit denen ich Entscheidungen und Erlebnisse teilen kann.
Ich wünsche mir mehr Unterstützung. Menschen, die mir Hilfe anbieten, ohne dass ich jedes Mal fragen muss.
Und ich möchte auch nicht ständig hören, wie stark ich bin. Natürlich bin ich stark. Ich muss es ja sein. Aber ich möchte auch mal schwach sein dürfen.
Eine Freundin hat sich von mir abgewendet, weil sie sagte, mein Leben sei voller Probleme und ihr sei das zu viel. Mittlerweile erzähle ich meinen Freundinnen teilweise gar nicht mehr, wie schlecht es mir wirklich geht. Auch das macht einsam.
Alleinerziehende brauchen meiner Meinung nach Strukturen, die diese Realität berücksichtigen. Finanzielle Sicherheit, gute Kinderbetreuung und echte Entlastungsmöglichkeiten.
Gefühlt paddeln wir manchmal am Rand der Gesellschaft und versuchen, irgendwie über Wasser zu bleiben.
Ich wünsche mir weder Bewunderung noch Mitleid dafür, wie viel ich alleine schaffe. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der ich nicht alles alleine schaffen muss.



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