Die Geburt der Medizinfee

„Wenn du dein Medikament nimmst, dann kommt die Medizinfee!“ Mit diesem Satz löste meine große Tochter ein Problem, an dem wir Erwachsenen zuvor gescheitert waren: Denn Alina wollte ihr Antibiotikum nicht nehmen. Dieser spontane Einfall wurde zur Geburtsstunde der Medizinfee – und zeigte mir einmal mehr, welche Kraft Fantasie im Familienalltag haben kann.

Nachdem unsere Jüngste in diesem Jahr bereits mehrfach krank gewesen war und nun schon die dritte Harnwegsentzündung in Folge hatte, hatte sie endgültig genug von Medikamenten. Wer will ihr das auch verdenken?

Die ganze Nacht über hatte sie hohes Fieber. Dazu kamen Erbrechen und vermutlich auch starke Schmerzen aufgrund der Nierenbeckenentzündung. Nach einer sorgenvollen Nacht, dem Besuch des Bereitschaftsarztes, einem weiteren Termin beim Kinderarzt und einer Bestellung in der Apotheke hielt ich am Abend endlich das verschriebene Antibiotikum in den Händen.

Ich war erleichtert. Alinas Leiden würde bald ein Ende haben. Auch wenn mir natürlich nicht wohl dabei war, ihr innerhalb weniger Monate bereits zum wiederholten Mal Antibiotika geben zu müssen (zuvor hatte sie schon zweimal Streptokokken, die ebenfalls mit Antibiotika behandelt werden mussten).

Doch ich hatte die Rechnung ohne meine Tochter gemacht.

Mission Antibiotikum

Trotz Fieber und Schmerzen verweigerte Alina die Einnahme vehement. Kaum näherte ich mich mit der Spritze, kniff sie ihre Lippen fest zusammen. Eine bereits aufgezogene Dosis musste ich sogar wegwerfen.

Weder gutes Zureden, noch Erklärungen oder Versprechen halfen. Auch ein Telefonat mit ihrer Oma und ihrem Papa, der unter der Woche in Österreich arbeitet, brachte nicht den gewünschten Erfolg. Ich war ratlos.

Die Geburt der Medizinfee

Bis ihre große Schwester Lara auf eine geniale Idee kam: „Wenn du das nimmst“, versprach sie, „dann kommt auch die Medizinfee.“

Medizinfee neben Medikamenten und Spritze – Fantasie hilft im Alltag mit Kindern, zum Beispiel bei der Einnahme von Medikamenten.
Foto von Alina

Und tatsächlich. Alina öffnete den Mund und nahm das Antibiotikum.

Im ersten Moment war ich sehr erleichtert. Bis mir einfiel, dass die Medizinfee in dieser Woche wohl noch einiges zu tun haben würde. Schließlich war die Behandlung mit einer einzigen Dosis noch lange nicht beendet.

Die Medizinfee zieht bei uns ein

Also musste sich die Medizinfee etwas einfallen lassen. Zum Glück besitze ich einen Schuhkarton mit kleinen Notfallgeschenken. Ursprünglich gedacht für spontane Kindergeburtstage oder für die Zahnfee meines Schulkindes.

Doch nach der inzwischen fünften Antibiotikatherapie gehen selbst einer erfahrenen Medizinfee langsam die Ideen aus… Sie hat bereits allerlei Kleinigkeiten vorbeigebracht: hübsche Haarspangen, ein Matchboxauto, einen Lolli und verschiedene Kindersäfte, die beim Gesundwerden helfen sollen.

Geschenke der Medizinfee: ein Matchboxauto und eine Flasche Kindersaft

Die Medizinfee scheint nämlich zu wissen, dass man bei einem Harnwegsinfekt und einem Nierenstein vor allem eines tun muss: viel trinken.

Die Medizinfee ist nicht allein: Unsere magischen Alltagshelfer

Die Medizinfee ist allerdings nicht die erste Fantasiegestalt, die bei uns eingezogen ist.

Da gibt es zum Beispiel Hakibacki, der sich beim Zähneputzen zwischen den Zähnen versteckt und vor der Zahnbürste davonläuft. Mal sitzt er ganz hinten, mal vorne, mal oben und dann wieder unten. Erst wenn wir ihn mit der Zahnbürste erwischt haben, sind die Zähne sauber.

Und dann wäre da natürlich noch die Zahnfee. Obwohl Alina mit ihren drei Jahren noch weit von ihrem ersten Wackelzahn entfernt ist, verkündet sie regelmäßig voller Überzeugung: „Mama, mein Zahn wackelt!“ Vermutlich hofft sie, dass die Zahnfee bei ihr genauso großzügig ist wie bei ihrer älteren Schwester.

Zur Adventszeit zieht außerdem Wichtel Fridolin bei uns ein. Mit seiner kleinen Wichteltür sorgt er jeden Morgen für Spannung. Mal treibt er Schabernack, mal versteckt er Kleinigkeiten und manchmal hinterlässt er eine kleine Überraschung. Vor allem aber verkürzt er den Kindern die Wartezeit bis Weihnachten.

Magische Begleiter meiner Kindheit

Auch in meiner Kindheit gab es solche magischen Begleiter. Einer davon war der Klapperstorch, der mir ein Geschwisterchen bringen sollte. Dafür musste man lediglich etwas Zucker aufs Fensterbrett legen.

Ich weiß nur noch, dass ich voller Hoffnung Zuckerstücke ausgelegt habe. Die Wartezeit sollte mir damit wohl im wahrsten Sinne des Wortes versüßt werden.

Der Klapperstorch ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken. Eine große Schwester wurde ich trotzdem nicht.

Die Kraft der Fantasie im Familienalltag

Im Laufe der Jahre sind bei uns einige Fantasiegestalten eingezogen. Und jede von ihnen hat eine bestimmte Aufgabe:

• Hakibacki macht aus dem Zähneputzen ein Spiel.

• Die Zahnfee nimmt dem Verlust eines Zahns mit einer kleinen Überraschung den Schrecken.

• Wichtel Fridolin verkürzt die Wartezeit bis Weihnachten und macht den Advent ein bisschen magischer.

• Und die Medizinfee hilft kranken Kindern dabei, ihre Arznei zu nehmen.

Denn manchmal braucht es statt eines Arguments nur eine Geschichte. Eine, die aus einer Pflicht ein Abenteuer macht.

Deshalb war die eigentliche Heldin an diesem Abend auch nicht die Medizinfee. Es war Lara.

Sie hat gesehen, woran wir Erwachsenen gescheitert sind, und wusste intuitiv, womit sie ihre kleine Schwester erreichen konnte. Nicht durch Diskussionen, gutes Zureden oder Versprechungen. Sondern mit einer Geschichte. Und Geschichten sind manchmal das wirksamste Medikament von allen.

Irgendwann werden die Kinder zu groß für Feen, Wichtel oder den Klapperstorch. Aber bis dahin dürfen diese magischen Begleiter ruhig noch einen Platz in ihrem Leben haben. Denn manchmal schaffen sie etwas, woran wir Erwachsene scheitern: Sie bringen ein krankes Kind dazu, seine Medizin zu nehmen.

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