Es gibt Momente, die sich für immer in das Gedächtnis einbrennen. Besonders seitdem ich Mutter bin, steht häufiger für Sekunden oder Minuten die Zeit still. Am Wochenende war wieder eine dieser Situationen. Wir waren mit unseren Freunden erneut auf einem Camping-Wochenende im Chiemgau wie schon 2 Wochen zuvor. Genau an dem See, an dem wir bereits waren. Die Kinder kannten ihn also schon und doch passierte es: Mein Kind wäre beinahe ertrunken.
Mein Kind geriet plötzlich in tiefes Wasser
Wir sitzen am See beim Mittagessen. Mein Sohn steht auf, weil er fertig ist. Er möchte zum Surfbrett laufen, sagte er. Ich zog ihm seine Badesachen an und er rannte los. Ich blieb am Tisch zurück mit unseren Freunden. Ich sah, wie er auf das Surfbrett stieg und vom Ufer wegtrieb. Ich erinnere mich, dass ich dachte „Was ist, wenn er jetzt vom Board ins Wasser fällt?“. Und zack – im nächsten Moment war genau das passiert.

Ich rannte, so schnell ich konnte, los. Ich sah, wie der Kopf meines Sohnes immer wieder auf- und abtauchte. Er konnte den Boden nicht mehr berühren und versuchte, sich mit seinen 3 Jahren zurück ins flache Wasser zu retten. Er schrie nicht und ich schrie auch nicht. Um ihn herum waren keine Menschen im Wasser, denn das Wetter war nicht so gut. Ich rannte und rannte.
Als ich ihn erreichte, hatte er es geschafft, sich in den Bereich zu paddeln, in dem er wieder stehen konnte. Er hat gekämpft und sich selbst aus der Situation gerettet. Was für ein Glück. Es war das allererste Mal, dass er sich derartig tief in einem Gewässer befand, in dem er nicht mehr stehen konnte. Er war ganz allein und er hat die Nerven behalten, statt in Panik zu verfallen.
Die Verarbeitung nach dem Badeunfall
Er kam zu mir ans Ufer und hat sich an mich gekuschelt. Er sagte, dass er nur kurz tauchen wollte und gar nicht so lang, wie es dann war. Mein kleiner, starker Löwe. Ich war so gerührt von seiner Selbstsicherheit und seiner Stärke. Wir saßen zu zweit einige Minuten am Ufer und ich sagte ihm, wie stolz ich auf ihn bin. Und dass er alles richtig gemacht habe. Ich würde nächstes Mal besser auf ihn aufpassen. Viel mehr sprachen wir darüber nicht. Dann zog ich mit ihm das Brett in den Nichtschwimmer-Bereich und er stieg wieder drauf. Dabei war es ihm wichtig, dass er jederzeit stehen kann.

Ich hatte vermutet, dass es mehr Verarbeitung brauchen würde im Anschluss. Das war aber nicht der Fall. Er hatte keine Albträume und sprach danach auch nicht mehr darüber. Ich hingegen sprach mit Erwachsenen in den kommenden Tagen darüber. Daheim kamen mir auch ein paar Tränen. Dankbarkeit darüber, dass seine Schutzengel beim ihm waren und dass er so ein starker kleiner Kerl ist.
Ich weiß nicht, wie ich hätte weiterleben sollen, wenn ihm durch meine Unachtsamkeit etwas lebensbedrohliches passiert wäre. Als wir Anfang des Jahres gemeinsam den Autounfall hatten, hatte ich auch schon so intensive Gefühle und Verlustangst. Dieses Mal war es ein Stück weit anders, denn ich hatte die Verantwortung und es war kein Fremdverschulden mit beteiligten Personen.
Vielleicht ist genau das die Herausforderung des Elternseins. Zu akzeptieren, dass wir unsere Kinder nicht vor allem beschützen können und Vertrauen haben dürfen.
Ich werde auf die Wassersicherheit achten
Ich trage die Verantwortung für die Situation und muss auf die Sicherheit am Wasser achten. Ich hätte mitgehen sollen und die Wassertiefe überprüfen, bevor er dort allein reingeht. Oder ich hätte mit ihm gemeinsam das Surfbrett in den abgetrennten Nichtschwimmer-Bereich ziehen sollen. Für uns bedeutet das vor allem, noch bewusster auf die Situation am Wasser zu achten und Gefahren besser einzuschätzen und den Einsatz von Schwimmhilfen abzuwägen an Wasserkanten, tiefen Pools oder auf einem Boot.
Auf jeden Fall wird dieser Badeunfall bei mir spuren hinterlassen und ich werde in Zukunft deutlich achtsamer in Wassernähe sein. Die Baderegeln der DLRG bieten eine gute Orientierung für Familien mit Kindern. Gerade in Wassernähe zählen Sekunden.
Mein Kind wäre beinahe ertrunken – und ich bin sehr stolz auf ihn
Wenn ich heute an die Situation zurückdenke, spüre ich neben dem Schreck vor allem eines: Stolz. Mein Sohn hat nicht aufgegeben. Es ist ihm gelungen, sich zu orientieren und die Nerven zu behalten, um handlungsfähig zu sein. Er hat sich selbst zurück ins flache Wasser gebracht. Er hatte die Kraft, weiterzupaddeln und die Ruhe zu bewahren. Und danach hatte er den Mut, wieder aufs Surfbrett zu steigen. Es bestärkt mich darin, ihn weiterhin behutsam an Wasser und Schwimmen heranzuführen.
Heute – 2 Wochen danach – bin ich vor allem dankbar. Dankbar, dass alles gut ausgegangen ist. Dankbar für einen mutigen kleinen Jungen, der die Ruhe bewahrt hat. Und dankbar dafür, dass ich wieder einmal lernen durfte, was Elternsein bedeutet: zur Selbständigkeit begleiten, loslassen, vertrauen und trotzdem immer wieder beschützen wollen.



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