Als der freundliche Schreiner heute die Arbeitsplatte in unserer alten Küche erneuern wollte, wurden die Nachbarn neugierig.
„Ziehen die aus?“
„Nein, es wird nur etwas ausgetauscht“, erklärte er ruhig.
Viele wissen natürlich, dass wir uns schon seit langem nach einer größeren Wohnung umschauen. Zu viert in einer Zweizimmerwohnung zu leben, ist auf Dauer eben nicht ganz einfach. Und so dachten wohl auch unsere Nachbarn, dass die Arbeiten in unserer Küche mit einem bevorstehenden Auszug zusammenhängen könnten.
Sie hatten damit nicht ganz unrecht, denn wir ziehen tatsächlich bald um. Ich kann es selbst noch gar nicht richtig glauben, obwohl wir bereits mehrere Jahre lang nach einer neuen Wohnung gesucht haben.
Eine neue Wohnung – und eine neue Küche
Manchmal spielt das Leben einfach verrückt. Gerade erst hatten wir den Mietvertrag für eine Fünfzimmerwohnung im Allgäu unterschrieben. Eine Wohnung, die uns eine neue Zukunft mit mehr Platz und – so hoffen wir – einem ruhigeren Familienalltag verspricht.
Und ausgerechnet jetzt sagte uns die Hausverwaltung doch noch die seit Langem überfällige Erneuerung unserer Küche aus den 80ern zu: eine neue Arbeitsplatte und eine neue Spüle. Mit diesem Entgegenkommen hatte ich längst nicht mehr gerechnet.
Natürlich drängte sich mir ausgerechnet jetzt wieder die Frage auf, ob wir mit unserem Umzug vielleicht doch einen Fehler machen. Zumindest haben wir jetzt eine schöne Küche…
Ist es wirklich richtig, München zu verlassen?
Als ich auf Alinas Kindergeburtstag einer befreundeten Mama von unserem Vorhaben erzählte, kamen die Zweifel wieder. „Aber ihr habt doch so eine tolle Münchner Wohnung!“, sagte sie wehmütig und schlug vor: „Könntet ihr euch nicht anders einrichten?“
Ihre Worte gingen mir danach noch lange durch den Kopf… Machen wir das Richtige?
Geben wir wirklich eine schöne Wohnung in München auf? Verlassen wir die Großstadt, in der wir seit so vielen Jahren leben, für ein Leben an einem Ort, an dem wir noch nicht wissen, ob wir uns jemals zu Hause fühlen werden? An einem Ort, an dem wir noch niemanden kennen.

München hat schließlich so viel zu bieten. Ich kenne die Stadt und das Umland. Die Kinder – beide echte Münchner Kindl – haben hier ihre Freunde, ihre Schule und ihren Kindergarten. Und auch wenn ich über den Alltag in München oft fluche: Ich mag unsere Wohnung und unser Viertel. Eine größere Wohnung würde natürlich einiges erleichtern. Aber ist es wirklich richtig, dafür gleich die Stadt zu verlassen?
Wenn das Großstadtleben mit Kindern zu viel wird
Doch genau dann zeigt München sich in diesem Sommer immer wieder auch von einer anderen Seite. Zum Beispiel, wenn uns auf einem gemeinsamen Weg entlang der Isar schon der dritte Radfahrer anpöbelt. Nur weil er sein Tempo anpassen oder kurz abbremsen muss, da wir mit Bollerwagen und zwei Kindern unterwegs sind. Oder wenn der Nachbar über uns wieder mit der Polizei droht, weil unsere große Tochter nach einem Streit mit ihrer Freundin laut weint.
Solche Situationen sind natürlich nur einzelne Momente. Und selbstverständlich könnte ich genauso von netten Begegnungen und hilfsbereiten Menschen berichten. Denn auch die gibt es durchaus in der Großstadt. Eine Frau etwa, die Lara spontan einen Pfirsich anbot, als sie hörte, dass sie Hunger hatte.
Aber dieser ständige Kampf in der Großstadt, wie mein Partner es nennt, strengt auch mich an. Die Hektik, die vielen Menschen, der Verkehr und manchmal auch die Rücksichtslosigkeit – vor allem gegenüber Kindern.
Denn selbst wenn man ständig aufpasst, wird man am Ende vielleicht doch noch zurechtgewiesen oder angegangen, weil Kinder eben nicht immer so funktionieren und mit dem Tempo im Großstadtdschungel mithalten, wie es andere Menschen offenbar erwarten.
Verpassen meine Kinder etwas ohne die Großstadt?
Als ich mich dann mit einer Freundin unterhielt, mit der ich an der Münchner Uni Theaterwissenschaften studiert hatte, waren sie plötzlich wieder da, diese Zweifel.
Werde ich die kulturelle Vielfalt nicht vermissen? Die Theater, die Museen, die vielfältigen Veranstaltungen – ja überhaupt die vielen Möglichkeiten?
Und was ist mit meinen Kindern? Beide haben bereits selbst an einem Musicalkurs teilgenommen. Entgeht ihnen durch den Umzug vielleicht etwas?
Auch die öffentlichen Verkehrsmittel werde ich vermutlich mehr vermissen, als ich es mir momentan eingestehen möchte. Ich fluche zwar regelmäßig über den MVV, wenn wieder eine Bahn zu spät kommt, ausfällt oder eine Fahrt länger dauert als geplant. Aber grundsätzlich ist es doch unglaublich praktisch, fast jedes Ziel relativ schnell auch ohne eigenes Auto erreichen zu können.
Genau das werden wir in einer Kleinstadt wohl nicht haben.
Von der Anonymität der Großstadt und dem Gefühl, allein zu sein
München ist anonym. Das hat Vor- und Nachteile.
Ich mag es durchaus gern, in einer Großstadt nicht jeden Menschen auf der Straße zu kennen und grüßen zu müssen. Und vielleicht werde ich genau diese Anonymität irgendwann vermissen. Aber sie hat auch ihre Kehrseite.
Im letzten halben Jahr, als unsere Jüngste wegen ihres Nierensteins erkrankt war, habe ich mich oft völlig auf mich allein gestellt gefühlt. Obwohl ich seit mehr als 20 Jahren in München lebe, habe ich nur zwei wirklich gute Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Einer davon lebt in einem anderen Stadtteil, und hat keine Kinder. Wir sehen uns vielleicht einmal im Jahr.
Ich will damit nicht sagen, dass man in einer Kleinstadt automatisch mehr Freunde hat. So einfach ist das sicher nicht. Aber ich wünsche mir manchmal trotzdem, dass sich ein Familienalltag etwas mehr im direkten Umfeld abspielt. Dass die Wege kürzer sind. Dass man sich kennt. Und vielleicht auch, dass man sich in der Nachbarschaft zumindest ein bisschen gegenseitig unterstützt.
Wie die Geburt unseres zweiten Kindes alles verändert hat
Natürlich ist nicht allein die Geburt unseres zweiten Kindes der Grund dafür, dass wir jetzt München verlassen. Vieles ist zusammengekommen. Auch beruflich hatten wir in München nicht mehr dieselben Perspektiven wie früher. Mein Partner fand einen neuen Job in Höchst in Vorarlberg. Und irgendwann begannen wir, uns zu fragen, ob wir unser Leben wirklich genau so weiterführen wollten.
Aber natürlich hat sich auch durch unser zweites Kind vieles verändert. Ich war fast 45 Jahre alt, als unsere jüngste Tochter geboren wurde – und plötzlich waren wir zu viert in einer Zweizimmerwohnung. Lange Zeit hat das funktioniert – irgendwie.
Irgendwann merkten wir aber, dass wir uns mehr Platz wünschen. Raum für die Kinder, für uns als Paar und für einen Alltag, der nicht ständig eine logistische Herausforderung ist.
Schritt in etwas Neues
Natürlich weiß ich, dass auch ein Leben in einer Kleinstadt nicht plötzlich perfekt sein wird. Unsere Probleme werden nicht an der Münchner Stadtgrenze verschwinden. Sicher wird mir unser gewohntes Großstadtleben fehlen. Aber ich hoffe, dass manches einfacher wird.
Ich freue mich auf unseren großen Balkon. Auf das kleine Stück Garten. Auf die Möglichkeit, dass die Kinder draußen spielen können, ohne dass ich vorher einen halben Ausflug organisieren muss.
Und wer weiß: Vielleicht ist dort ja sogar noch Platz für ein weiteres Familienmitglied. Einen Hund zum Beispiel.
Meine Zweifel werden wahrscheinlich nicht so schnell verschwinden. Vermutlich werde ich öfter auf München zurückblicken und mich fragen, ob wir nicht doch hätten bleiben sollen. Ich werde die Großstadt vermissen. Und wahrscheinlich wird es auch Tage geben, an denen ich mir wünsche, einfach wieder in die U-Bahn zu steigen und in dieses Leben einzutauchen, das ich mehr als mein halbes Leben lang kannte.
Aber immer, wenn ich denke, dass München vielleicht doch der bessere Ort für uns wäre, kommt irgendwann wieder ein Moment, der mich daran erinnert, warum wir überhaupt losgehen wollen.
Es ist die Hoffnung auf … mehr Platz. Weniger Hektik. Einen Familienalltag, der sich ein bisschen leichter anfühlt. Mehr gemeinsame Zeit. Und darauf, dass unsere Kinder etwas unbeschwerter aufwachsen können.
Ob es wirklich so sein wird, wissen wir noch nicht. Aber vielleicht müssen wir es jetzt einfach herausfinden.
Servus, München.



0 Kommentare zu “Servus München: Mit Familie von der Großstadt in die Kleinstadt”