Schwanger – und alle haben ihre eigenen Gefühle dazu

Blumenstrauß mit Herbstblumen

Meine Schwangerschaft wurde langsam immer sichtbarer und auch immer realer. Inzwischen hatte ich es auch meiner Familie erzählt. Das war sehr schön, allerdings hatte niemand wirklich damit gerechnet. Und ich hatte das Gefühl, dass alle diese Nachricht erst ein bisschen sacken lassen mussten.

Besonders viele Gedanken hatte ich mir vorher wegen meiner Schwester gemacht. Sie ist schwer an ME/CFS erkrankt.

Aktuell lebt sie bei meinen Eltern. ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom und ist eine schwere, chronische Erkrankung, bei der der Körper schon auf kleinste körperliche oder geistige Anstrengungen mit einer deutlichen Verschlechterung der Symptome reagieren kann. Das nennt man Post-Exertional Malaise, kurz PEM. Je nach Schweregrad können Betroffene nur eingeschränkt am Alltag teilnehmen, sind weitgehend ans Haus gebunden oder müssen sogar die meiste Zeit im Bett verbringen.

Auch Gespräche, Licht oder Geräusche können zu viel werden.

Bei meiner Schwester war es damals teilweise so schlimm, dass sie nicht länger als zehn Minuten mit mir sprechen konnte. Dinge, die für andere selbstverständlich sind, wie laufen, Freunde treffen, arbeiten, einkaufen oder einfach mal spontan irgendwohin fahren, sind plötzlich unmöglich.

Blumenstrauß mit Herbstblumen
FOTO VON LILITH

Wenn die eigene Freude auch andere Gefühle auslöst.

Meine Schwester hat sich aufgrund ihrer Erkrankung gegen eigene Kinder entschieden. Das kann ich total verstehen. Trotzdem macht mich dieser Gedanke auch traurig. Ich hatte immer gehofft, irgendwann Tante zu werden und dass meine Kinder Cousins oder Cousinen haben würden.

Natürlich kann meine Schwester trotzdem Tante sein. Aber auch das wird mit ihrer Erkrankung vermutlich anders aussehen, als wir es uns früher vielleicht vorgestellt hätten. Und ich weiß, dass es für sie auch nicht leicht sein muss, wenn sich das Leben der Menschen um sie herum immer weiter verändert, während sie selbst durch ihre Krankheit so eingeschränkt ist.

Ich hatte ein bisschen Angst davor, wie meine Familie auf meine Schwangerschaft reagieren würde.

Nicht, weil ich dachte, dass sie sich nicht für mich freuen würden. Sondern weil ich wusste, dass diese Nachricht vielleicht auch andere Gefühle auslösen könnte. Und ja, ich hatte das Gefühl, dass alle erst einmal Zeit brauchten, um das Ganze zu verarbeiten.

Ähnlich ging es mir mit einer meiner besten Freundinnen, mit der ich studierte. Wir hatten eigentlich geplant, unseren Bachelor zusammen zu machen. Durch meine Schwangerschaft würde das jetzt anders laufen. Ich konnte verstehen, dass sie darüber enttäuscht war. Mir tat das natürlich auch leid. Trotzdem war es irgendwie hart zu merken, dass die Nachricht, bei anderen nicht ausschließlich Freude auslöste.

Irgendwie hatte jeder sein eigenes Thema damit.

Je mehr Menschen ich von meiner Schwangerschaft erzählte, desto mehr fiel mir auf, dass irgendwie jeder seine eigenen Themen mit dem Kinderkriegen hatte. Ob man selbst Kinder möchte, ob man überhaupt welche bekommen kann, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist oder ob man sich bewusst dagegen entscheidet. In meinem Alter beschäftigen sich viele irgendwann mit diesen Fragen. Und da ich in meinem Freundeskreis meistens eher zu den Jüngeren gehöre, hatte ich vielleicht auch nicht damit gerechnet, dass meine Schwangerschaft bei manchen so viel auslösen würde.

Dabei hatte ich ja selbst nicht nur eindeutige Gefühle. Ich freute mich auf mein Baby, aber gleichzeitig hatte ich auch Angst, war unsicher und fragte mich manchmal, wie mein Leben in Zukunft aussehen würde. Warum erwartete ich dann eigentlich, dass alle anderen sofort nur glücklich sein würden?

Währenddessen rückte Weihnachten immer näher. Christkindlmärkte, Glühweinpartys und Weihnachtsfeiern standen vor der Tür. Normalerweise wäre ich bei solchen Sachen wahrscheinlich überall dabei gewesen. Dieses Jahr hatte ich keine Lust.

Das störte mich aber auch nicht wirklich. Ich hatte gerade einfach kein Bedürfnis nach vielen Menschen, Trubel und irgendwelchen Veranstaltungen. Stattdessen wollte ich mich am liebsten zu Hause einmummeln, gemütlich auf dem Sofa liegen, Suppe essen, Split Fiction zocken und meine Ruhe haben.

Ich genoss den Winter dieses Jahr richtig. Ohne das Gefühl, irgendetwas zu verpassen!

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